Re-Form
Was bleibt von einem Gebäude, wenn man es nicht abreißt, sondern weiterdenkt? Bei „Trace” in London wird die alte Backsteinfassade in diesem Sinn zum Ausgangsmaterial einer neuen Gebäudehülle. Damit zeigen Bureau de Change, dass kreislauffähiges Bauen nicht nur eine Frage des Bewahrens, sondern auch des Übersetzens ist: von Bestand in Zukunft, von Abbruchmaterial in Architektur, von Erinnerung in neue Nutzung.
Was bleibt von einem Gebäude, wenn man es nicht abreißt, sondern weiterdenkt? Bei „Trace” in London wird die alte Backsteinfassade in diesem Sinn zum Ausgangsmaterial einer neuen Gebäudehülle. Damit zeigen Bureau de Change, dass kreislauffähiges Bauen nicht nur eine Frage des Bewahrens, sondern auch des Übersetzens ist: von Bestand in Zukunft, von Abbruchmaterial in Architektur, von Erinnerung in neue Nutzung.
Kreislauffähiges Bauen beginnt nicht erst beim Materialpass oder beim Rückbaukonzept. Es beginnt mit einer bestimmten Denkweise: Was ist bereits vorhanden? Was kann bleiben? Was lässt sich weiterverwenden, transformieren oder aufwerten? Trace, ein Wohnbau-Retrofit in der Drummond Street in London, liefert eine prägnante Antwort auf diese Fragen. Das Projekt von Bureau de Change für HGG London ersetzt den Impuls zum Neubau durch eine Strategie des Weiterbauens und macht den Bestand sowohl konstruktiv als auch gestalterisch lesbar.
In innerstädtischen Lagen ist der Abriss oft die vermeintlich einfachste Antwort auf veraltete Bausubstanz. Vor allem Gebäude aus den 1970er- und 1980er-Jahren gelten selten als schützenswert. Häufig werden sie als technisch überholt, gestalterisch unauffällig und schwer an heutige Anforderungen anzupassen eingestuft. Genau hier setzt Trace an. Das Architekturbüro Bureau de Change hat ein viergeschossiges Backsteingebäude aus den 1980er-Jahren in Euston, London, in ein zeitgenössisches Wohnhaus mit fünf Apartments transformiert. Zwei zusätzliche Geschosse verdichten den Bestand, während die Fundamente, die Primärstruktur und der charakteristische Torbogen des ursprünglichen Gebäudes erhalten bleiben.
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Damit ist Trace zunächst ein klassisches Retrofit-Projekt: Die vorhandene graue Energie wird nicht abgeschrieben, sondern weitergenutzt. Die Architekten arbeiten mit dem, was bereits im Gebäude steckt – statisch, räumlich und atmosphärisch. Doch der eigentlich spannende Aspekt liegt in der Fassade. Denn statt das alte Backsteinmaterial vollständig zu entsorgen oder durch neue Oberflächen zu ersetzen, entwickelten Bureau de Change eine projektspezifische Gebäudehülle aus einem glasfaserverstärkten Betonverbund. Die abgetragenen, mittelbraunen Ziegel der bestehenden Fassade wurden zerkleinert und als sichtbarer Zuschlag in das neue Material eingebracht. Aus dem Abbruchmaterial entstand so eine neue, strukturierte „Stein“-Oberfläche, die das Gebäude umhüllt.
Dieser Schritt ist mehr als nur ein technisches Detail. Er verändert die Logik des Recyclings von der Entsorgung hin zum Entwurf. Der alte Ziegel verschwindet nicht, sondern kehrt in veränderter Form zurück. Er ist zwar kein Mauerwerk mehr, aber weiterhin Teil der architektonischen Identität des Hauses. Genau darin liegt die erzählerische Kraft des Projekts: Trace trägt seine eigene Vorgeschichte an der Oberfläche. Die Fassade wird so zur materiellen Spurensicherung.
Gestalterisch knüpft Bureau de Change an den historischen Kontext der Drummond Street und des nahegelegenen Tolmer’s Square an. Georgianische Proportionen, Rustizierung und Segmentbögen werden dabei nicht kopiert, sondern in ein zeitgenössisches Fassadensystem übersetzt. Die neuen Öffnungen folgen einem klaren Raster, interpretieren traditionelle Bogenformen neu und ermöglichen größere Fensterflächen. Dadurch verbessert sich nicht die städtebauliche Präsenz ebenso wie die Tageslichtversorgung, die Wohnqualität und die Querlüftung. Zur Hofseite hin erweitern Wintergärten die Wohnräume und schaffen zusätzliche Schwellenbereiche zwischen innen und außen.
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Kreislauffähigkeit zeigt sich hier also auf mehreren Ebenen. Erstens im Erhalt der tragenden Substanz. Zweitens in der Wiederverwendung des vorhandenen Fassadenmaterials. Drittens in der Aufwertung eines innerstädtischen Bestandsgebäudes, das durch Nachverdichtung zusätzlichen Wohnraum schafft, ohne den Ort vollständig neu zu beanspruchen. Viertens stellt sich die Frage, wie eine neue Konstruktion künftig wieder demontiert und weitergedacht werden kann. Die panelisierte Fassade wurde nicht als handgesetzte Schicht, sondern als vorgefertigtes System entwickelt – ein Aspekt, der Montage, Rückbau und potenzielle Wiederverwertung erleichtern kann.
Gerade diese Vielschichtigkeit macht Trace interessant. Das Projekt behauptet nicht, Kreislauffähigkeit sei eine einfache Lösung. Im Gegenteil: Es zeigt, dass zirkuläres Bauen oft dort spannend wird, wo Erhalt, Bauphysik, Vorschriften, Gestaltung und Wirtschaftlichkeit miteinander verhandelt werden müssen. Die alte Fassade konnte nicht einfach unverändert bleiben, da größere Fenster, eine bessere Belichtung und die heutigen Performance-Anforderungen Eingriffe erforderlich machten. Bureau de Change antwortete darauf nicht mit einem radikalen Schnitt, sondern mit einer Transformation: Der Bestand wurde geprüft, selektiv bewahrt, materiell neu zusammengesetzt und architektonisch weitergeführt.
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Auf diese Weise entsteht eine Form der Low-Carbon-Urban-Intensification – zu deutsch kohlenstoffarme städtische Verdichtung –, die über die reine Flächenoptimierung hinausgeht. Das Gebäude wächst um zwei Geschosse, bleibt aber mit seiner Vergangenheit verbunden. Es fügt sich in die historische Umgebung ein, ohne nostalgisch zu wirken, und nutzt zeitgenössische Fertigungstechniken, ohne die Materialgeschichte des Ortes zu überdecken. Für die Debatte um kreislauffähiges Bauen ist Trace ein starkes Beispiel. Nicht, weil es eine perfekte Blaupause liefert, sondern weil es eine Haltung sichtbar macht: Der Bestand ist kein Hindernis, sondern ein Rohstoff – konstruktiv, ökologisch und kulturell. Kreislauffähigkeit bedeutet hier nicht nur, Material im System zu halten. Sie bedeutet auch, architektonische Erinnerung weiterzubauen.
Trace
London, UK
Bauherr: HGG London
Planung: Bureau de Change
Statik: HRW
BGF: 400 m2
Fertigstellung: 2025
Text: Linda Pezzei
Fotos: Gilbert McCarragher



