Klingendes Haus

Das denkmalgeschützte Hagenhaus am Ortsrand von Nendeln hatte Glück. Die historische Hofstätte fand mit der Musikakademie Liechtenstein einen idealtypischen Nutzer und mit Cukrowicz Nachbaur Architekten, die den wertvollen Bestand sehr behutsam wesensgemäß sanierten. Die Freiraumgestaltung von Vogt Landschaftsarchitekten verwebt die vier Bauten zum Ensemble.

Das denkmalgeschützte Hagenhaus am Ortsrand von Nendeln hatte Glück. Die historische Hofstätte fand mit der Musikakademie Liechtenstein einen idealtypischen Nutzer und mit Cukrowicz Nachbaur Architekten, die den wertvollen Bestand sehr behutsam wesensgemäß sanierten. Die Freiraumgestaltung von Vogt Landschaftsarchitekten verwebt die vier Bauten zum Ensemble.

 

 

Gerade einmal 1.500 Einwohner zählt die Ortschaft Nendeln in Liechtenstein, die einen Steinwurf von der Grenze nach Vorarlberg liegt. Vielen Liebhabern klassischer Musik ist sie ein Begriff. Denn Nendeln ist der Sitz der internationalen Musikakademie Liechtenstein, die hochtalentierte junge Musiker und Musikerinnen aus aller Welt fördert. In den dortigen Meisterklassen erhalten die Stipendiaten und Stipendiatinnen von Größen ihres Fachs Einzel- oder Gruppenunterricht, können voneinander lernen, Konzerte geben und dabei wichtige Erfahrungen machen.

 

 

Unweit der Akademie stand am nördlichen Rand der Ortschaft seit Jahrzehnten das Hagenhaus leer. Baumeister Joseph Anton Seger hatte die denkmalgeschützte Hofstätte 1837 errichtet. Jeder und jede kannte das klassizistische Doppelwohnhaus mit dem großen Hofstall, sowie den etwas höher im Hang gelegenen Objekten von Wasch- und Schützenhaus. Denn sie stehen an der Feldkirchstraße, einer regionalen Hauptverkehrsader zwischen Feldkirch und Vaduz.

„Die Bedeutung der denkmalgeschützten Hofstätte stand nie zur Diskussion, man fand einfach keinen passenden Nutzer“, erklärt Anton Nachbaur-Sturm vom Vorarlberger Büro Cukrowicz Nachbaur Architekten. Der Besitzerfamilie fehlten Kapital, Einnahmen und Perspektive, damit war die alte Hofstatt dem schleichenden Verfall preisgegeben. Der Putz des stolzen Wohnhauses bröckelte, der einstige Kuh- und Pferdestall moderte vor sich hin, auch Wasch- und Schützenhaus starben einen stillen Tod.

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Im Jahr 2015 formierte sich der Verein „Pro s’Hagen-Huus z’Nendla“, um ihn zu retten. Man drehte einen Film, gründete eine Stiftung und dann geschah etwas, das Nachbaur-Sturm als „glückliche Fügung“ bezeichnet. Die über mehrere Häuser verteilte Musikakademie Liechtenstein suchte nach einem gemeinsamen Ort für einen Konzertsaal, Studien- und Probenräume, Gästezimmer für die erlesene Schar an Meisterklassenschülern, deren Erziehungsberechtigte und Lehrende sowie für die zugehörige Mensa und das Büro der Akademie.

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Im Jahr 2020 beauftragte sie Cukrowicz Nachbaur mit einer Machbarkeitsstudie, die ergab, dass diese Nutzung bestens mit dem Bestand harmonierte. Selbst die höchst anspruchsvolle Anforderung eines erstklassigen Konzertsaales an dieser stark befahrenen Straße ließ sich erfüllen. Umbau und Sanierung durften dabei durchaus dem musikalischen Niveau entsprechen, alle arbeiteten zusammen, um das zu erreichen.

Das dreistöckige klassizistische Doppelwohnhaus mit dem ausladenden Walmdach, dem schmucken, kleinen Dreiecksgiebel über der Eingangsfassade und der mittigen, zweiläufigen Holzstiege war immer schon zum Arbeiten und Wohnen da. Im Erdgeschoss befand sich zwischen 1864 und 1912 die kaiserlich-königliche Poststelle für ganz Liechtenstein, zuletzt eine Schusterwerkstatt. „Dort hingen noch die Leisten an der Wand, man hätte sofort weiterarbeiten können“, sagt Anton Nachbaur-Sturm. Im ersten Stock wurde gewohnt.

 

 

Je genauer Cukrowicz Nachbaur den Bestand untersuchten, umso mehr Ungeahntes trat zutage. Unter Putz-, Täfer- und Tapetenschichten von Jahrzehnten zeigte sich eine aufwändige, bunte Wandbemalung. Man legte sie frei und restaurierte so fragmentarisch, wie man sie vorfand. Die alte, wurmstichige Holzstiege wurde in ihre Einzelteile zerlegt, gereinigt und wieder zusammengesetzt, die Schiffböden sind ebenso original wie die Kachelöfen. So weit wie möglich wurde Altes bewahrt, alles Neue ist zeitlos schlicht und wertig, die rekonstruierten, isolierverglasten Kastenfenster wirken. Vom Verkehr hört man nichts, von den Proberäumen sehr wohl. Vollkommener Schallschutz war im alten Haus nicht zu erzielen, aber fast. Zwischen den Doppelzimmern gibt es neue Türen.

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Die Architekten wollten die Räume so original wie möglich erhalten – glücklicherweise bestand der Bauherr nicht auf eigenen Sanitärzellen in jedem Zimmer. Nun gibt es zwei pro Stockwerk – rechts und links der Treppe – die sich je drei Personen teilen. Selbst Flügel zum Üben fanden hier Platz, immer noch ist das Haus ein Ort zum Arbeiten und Wohnen. Im Erdgeschoss sind die Büros der Akademie, darüber die Zimmer für Musiktalente aus aller Welt. Einige sind erst acht oder neun Jahre alt und mit ihren Eltern da, sie beziehen die Doppelzimmer, Professoren das Loft unterm Holzdachstuhl – oder die kleine Wohnung im Waschhaus. 

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Die riesige Stallscheune mit den massiv gemauerten, mit Holz ausgefachten Wandpfeilern diente zu ebener Erde als Kuh- und Pferdestall, später als Traktor­einfahrt, unter dem mächtigem Krüppelwalmdach befand sich das Tenn. Etwas erhöht standen dahinter das gemauerte Wasch- und das Schützenhaus aus Holz im Hang. Letzeres war das einzige Gebäude, das abgetragen und versetzt werden musste – und nun dem Hofhaus Platz machte. Mit weißem Kalk verputzt, ziegelgedeckt, eingeschossig, lang und schmal wendet es dem ruhigen, kopfsteingedeckten Platz, der sich zwischen ihm und dem Waschhaus aufspannt, sein einziges großes Fenster und die Eingangstüre zu. Es ist Baujahr 2024 und damit fast zweihundert Jahre jünger als das Hagenhaus und die benachbarte Stallscheune, die beide ein gutes Geschoss tiefer an der Straße aufsetzen.

 

 

Eine breite Treppe führt auf den Platz, der nun als gemeinsamer, zentraler Freiraum für alle wirkt. Im Hofhaus befinden sich Foyer und Gemeinschaftsraum, vor dem Waschraum plätschert ein Brunnen und stehen ein paar Sessel. Hier kreuzen sich viele Wege, ist man gleich beim Parkplatz, sieht zum Wohnhaus und zur Stallscheune. Vogt Landschaftsarchitekten betteten die bestehenden Apfel-, Wein- und Blumengärten in Kieswege ein und modellierten das Gelände. Diese Freiraumgestaltung setzt die vier Gebäude, die alten Bäume, vielen Menschen und ihre Umgebung miteinander in Schwingung.

 

 

Die Stallscheune wurde zum erstklassigen Kammermusiksaal veredelt. Um die wertvollen Instrumente und die Musizierenden, die sie spielen, keiner unwirtlichen Witterung auszusetzen, sind Haus und Scheune unterirdisch miteinander verbunden. Erstere wirkt von außen fast so wie immer, das passt zur Kulturlandschaft. „Wir wollten, dass der ursprüngliche Charakter unverändert bleibt“, sagt Nachbaur-Sturm. Die Wandpfeiler sind original erhalten, die Holzfassade ist neu, ihre vertikalen Lamellen lassen das Licht von draußen in feinen Streifen in den Saal fallen und die Landschaft durchschimmern. Zwischen den äußeren und inneren Lamellen hält ein Kastenfenster den Straßenlärm fern. Die Lamellen sind einzeln verdrehbar, einige mikroperforiert und akustisch wirksam. So ist die Schallstreuung zu steuern. Auch der hohe Holzdachstuhl ist original und wurde mit einem Zugband verstärkt, um den Saal stützenfrei zu halten. Seine Konstruktion blieb sichtbar und trägt ganz wesentlich zu der einmaligen, trotz ihrer Schlichtheit fast erhebenden Atmosphäre bei. Sobald ein Instrument ertönt, geraten Raum und Architektur in Schwingung – unwillkürlich stellt sich Ergriffenheit ein.

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Hagenhaus
Nendeln, Liechtenstein

Bauherr: Stiftung Hagenhaus
Planung: Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH
Team: Gregor Benz [PL], Andreas Metzler, Anton Nachbaur-Sturm
Bauingenieur: Conzett Bronzini Partner AG Bauingenieure
Raumakustik: Müller-BBM Raumakustik
Landschaftsarch.: Vogt Landschaftsarchitekten AG

Nutzfläche: 980 m²
Planungsbeginn: 2019
Bauzeit: 2022 – 2024

www.cn-architekten.com

 

Text: Isabella Marboe
Fotos: Adolf Bereuter, Dominic Kummer